Heimatlos - Den Menschen eine Chance geben
Welche Hoffnungen haben Kinder und Jugendliche?
Die politische, soziale und wirtschaftliche Situation in Kolumbien ist
geprägt von Gewalt, existenzieller Not, Ungerechtigkeit und Bedrohung.
Der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist davon betroffen. Jedes Kind,
jeder Jugendliche ist in seinen familiären Zusammenhängen damit
konfrontiert, dass die Gewalt in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen
Auswirkungen in der Familie hat. Trotzdem leben diese Kinder und Jugendlichen
mit Wünschen, mit Hoffnungen, mit Träumen.
Zum Beispiel Carlos...
Bei meinem Besuch treffe ich auf Carlos. Er ist 14 Jahre alt, arbeitet
als Hilfskraft in einer Bäckerei. Seine Familie ist neu im Wohnviertel.
Sie ist aus einem anderen Landesteil in die Anonymität der Großstadt
geflohen, weil zwei Brüder bei einer paramilitärischen Gruppierung
mitmachen. Damit ist die Familie ins Visier von Guerillagruppen gekommen.
Unter Lebensgefahr haben sie vertrauten Boden, ihren Acker und Freunde
verlassen. Sie sind entwurzelt.
Die Augen von Carlos erzählen diese Geschichte, aber sie erzählen
noch mehr: Ich bin jetzt hier, ich kann mit meiner Arbeit etwas für
meine Familie tun, ich werde dafür kämpfen, dass ich in die Schule gehe. Ich habe ein Ziel.
... Elena
Elena ist 16 Jahre alt. Ich treffe sie im Kulturzentrum El Chontaduro.
Sie ist seit über
zwei Jahren Mitglied der Tanzgruppe und der Kunsthandwerkgruppe. Sie lebt
mit ihrer Mutter, vier weiteren Geschwistern, einer Tante und ihrer Großmutter
unter sehr einfachen Lebensbedingungen. Sie besucht die 11. Klasse und
wird im nächsten Jahr den Schulbesuch abschließen. Um die finanziellen
Anforderungen für den Schulbesuch und die damit verbunden Kosten
für den Transport aufzubringen, arbeitet sie täglich drei Stunden
in einem Haushalt mit. "Im Kulturzentrum finde ich Anerkennung und
Unterstützung. Wenn ich Probleme habe, dann kann ich diese es mit
Gleichaltrigen oder mit den Verantwortlichen besprechen. Ich weiß
jetzt vieles über die Kultur der schwarzen Bevölkerung, habe
Spaß an der körperlichen Bewegung. Wenn wir unsere Auftritte
als Tanzgruppe haben, dann sind wir Botschafter und Botschafterinnen des
"Nein zur Gewalt!"."
Aracely und ihre Familie
Aracely ist 8 Jahre alt. Sie lebt sehr zurückgezogen mit ihrer Familie
in einer kleinen Hütte am Rand des Wohnviertels. Ihre Familie hat wenig Kontakt mit
den Nachbarn. Die Mutter geht frühmorgens aus dem Haus. Sie hat Arbeit
in einer Kerzenfabrik gefunden.
Aracely passt auf ihre 3 und 5 jährigen Brüder auf. Das Gesicht
von Aracely ist gekennzeichnet von einer großen Ernsthaftigkeit, von Traurigkeit,
von Angst. Wer ihre Geschichte kennt, kann diesen Gesichtsausdruck verstehen.
Vor 8 Monaten ist ihr Vater verschwunden. Nicht abgehauen, weil er sich
der Verantwortung in der Familie entziehen wollte. Nein, er ist mitgenommen
worden, gewaltsam und nicht wiedergekommen. Wer ihn mitgenommen hat, warum?
Da ist keine Antwort. Die Familie hat weder die finanziellen noch die
sozialen Ressourcen, um nach ihrem Familienmitglied zu suchen, suchen
zu lassen. Da ist einerseits die Hoffnung, dass der Vater eines Tages
wieder auftaucht, wieder in der Familie lebt. Andererseits ist da das
Wissen, dass viele Menschen in Kolumbien verschwinden und nicht wieder
aufgefunden werden, nicht einmal tot. Diese Geschichte steht geschrieben
im Gesicht von Aracely.
|